Job, Wohnung und ein gutes Liebesleben: Professor Bernd Nolte gibt beim Unternehmerforum Antworten auf aktuelle Herausforderungen

Trotz Corona, Krise der Automobilindustrie, demografischem Wandel oder german Angst: Professor Dr. Bernd Nolte ist es um die Zukunft der Deutschen nicht bange. Zuversichtlich stimmen ihn zum einen die deutschen Grundtugenden, zum anderen die „extrem starke, wettbewerbsfähige Wirtschaft“. Sage man den Deutschen, dass sie nicht mehr spitze seien, dann streikten sie nicht etwa, sondern packten das jeweilige Thema so lange mit Akribie an, bis sie wieder spitze seien, lobte der Wirtschaftsexperte seine Landsleute beim Unternehmerforum, zu dem Oberbürgermeister Toni Vetrano, Wirtschaftsförderin Fiona Härtel und die Sparkasse in deren Hauptstelle eingeladen hatten. Der Schwabe aus Stuttgart, der sich selber als „Wandler zwischen den Welten“ bezeichnet, brachte in sieben Lektionen faktenreich und zugleich unterhaltsam auf den Punkt, was „in einer alternden Gesellschaft sonst manchmal untergeht“.

Professor Nolte lehrt und forscht seit vielen Jahren an Universitäten, ist Chef einer Managementberatung mit 50 Mitarbeitenden, bereist jährlich etwa zwölf Länder und stellt dabei fest: Der Ruf der Deutschen sei dort ausnahmslos gut. Zwar schimpfe man in Deutschland über Staat, Behörden und Bürokratie, in anderen Ländern funktioniere dagegen „gar nichts“. Weil er auch China gut kenne, habe es ihn nicht verwundert, dass die Corona-Epidemie dort ihren Anfang genommen habe: Nicht nur die Dichte, in der die Menschen dort zusammenlebten, habe die Ausbreitung begünstigt, sondern auch die mangelnden hygienischen Verhältnisse. In Deutschland herrsche eine „erstklassige Lebensqualität“, man müsse nur aufpassen, mahnte er, dass „wir das, was wir an Gutem haben, nicht in den Müll werfen“.
So habe ein Drittel der Deutschen das Sparen aufgrund der Nullzinsphase (der er noch ein langes Fortbestehen prophezeit, weshalb er ungern von Phase spricht) aufgegeben; die Spareinlagen pro Kopf lägen bei 60 000 Euro und damit deutlich unter denen aller europäischer Nachbarn. Selbstständige und Freiberufler kämen gerade so über die Runden, jedoch nur solange sie arbeiteten. Bei so geringen Rücklagen stellt sich für Bernd Nolte die Frage, wie sich die Baby-Boomer ihre sich ihre wachsende Lebenserwartung finanzieren wollten: „Lebensverlängerung ist nicht immer nur lustig“, findet er: In Zeiten, in denen man immer mehr Krankheiten erkennen könne, komme es darauf an, wer sich die Behandlung, die Medikamente oder neue Hüftgelenke leisten könne. Sein Fazit: „Wenn es so weitergeht, droht ihnen die Verarmung.“ Diese werde durch den demographischen Wandel noch begünstigt, denn in einer Gesellschaft, in der die Kinder fehlten, gebe es keine generationenübergreifende Verantwortung mehr und „kein Mitleid“.

Für eine konzertierte Aktion von Stadt und Sparkasse in Sachen Wohnungsbau warb Professor Dr. Bernd Nolte beim Unternehmerforum.zoom

Daher sieht der Experte den demographischen Wandel, in Verbindung mit wachsender sozialer Ungleichheit und Armut („Vorstände verdienen das 70- bis 80-fache der durchschnittlichen Mitarbeiter – das ist unanständig viel.“) als eines der zu lösenden Hauptprobleme. 50 Prozent der Deutschen besäßen nur 1,3 Prozent des Vermögens – die Ungleichverteilung, schlechte Wohnverhältnisse gepaart mit für viele Berufsgruppen nicht mehr finanzierbare Mieten sorgten für „Frust, Volkszorn und Gewalt“, seien „ein Umsturzmotor“ und bedeuteten in Deutschland Gefahr von rechts. Gerade Stadt und Sparkasse könnten in einer Partnerschaft Erschließungsstrategien entwickeln sowie über eine Genossenschaft oder einen Fonds Wohnungen bauen und von der Sparkasse verwalten lassen. Gemeinsam könnten sie „die ganze Wertschöpfungskette machen: Des isch cool und etwas sozial Gescheites“.
Dass Deutschland aufgrund der demographischen Entwicklung gar nichts anderes sein und bleiben könne, als ein Einwanderungsland, steht für Professor Bernd Nolte außer Frage. Wie man dem Fachkräftemangel aus seiner Sicht begegnen könnte, zeigt für ihn das Beispiel des SC Freiburg: Der suche Fußballtalente auch in Frankreich, fördere diese dort in Sportzentren und vermarkte sie dann für die zweite und dritte Liga.
Den Landwirten rät der Ökonom, sich zu wirtschaftlichen Losgrößen zusammenzuschließen und eine Abhängigkeit vom Handel nicht zuzulassen. Mitarbeitende könne die heimische Landwirtschaft gewinnen, wenn sie junge Leute zu Landferien einlade, damit sie die Arbeit an der frischen Luft kennen lernen und erfahren könnten, wie zum Beispiel Brot entsteht. Die heimische Landwirtschaft habe gerade in der globalisierten Welt ihren Wert. „Das muss man aber rüberbringen, sonst darf man sich nicht wundern, wenn die jungen Leute zu Junkfood greifen.“ Überhaupt würde Bernd Nolte neben Finanzkunde auch Ernährungskunde in die Lehrpläne der Schulen aufnehmen: „Viele Menschen reden übers Essen, haben aber keine Ahnung.“ Wie viel Fleisch man pro Woche brauche oder welche Qualitätsansprüche man an Lebensmittel stelle, sei auch Erziehungssache.
Weil Deutschland „pathologisch außenabhängig ist“, bildete auch die außenpolitische Lage einen Schwerpunkt von Professor Noltes Vortrag, der konstatiert, dass es einen „neuen Typus Krieg“ gebe, der sich in Wirtschaftskriegen, Machtkriegen sowie Cyber- und Lauschkriegen manifestiere. Die USA betreibe einen Machtkrieg, in dem sie andere schwäche, Russland setze auf einen Wissenskrieg und nutze Daten, um andere zu schädigen und die Nutzer von Smartphones und Apps sowie Fitnessuhren ermöglichten Lauschangriffe in nie gekanntem Ausmaß.
China werde durch „eine extrem clevere Politik“ und den Ausbau von Handelsrouten zum Global Player, Russland sei „die Enttäuschung des Jahrhunderts“, kriege es wirtschaftlich nicht hin, weil ein Wertesystem fehle und tue daher das, was es gut könne: Kriege führen. Kriegsschauplätze wie Syrien und wohl bald auch Libyen seien geeignet für Waffenexporte und die Vernichtung von Waffen: „Die Kriegsmaschinerie ist eine unendliche“, konstatiert der Professor und sieht den Frieden in weite Ferne gerückt. Mit Blick auf die in Libyen gestrandeten („Das ist die Hölle.“) und an der türkisch-griechischen Grenze sowie auf den griechischen Inseln ausharrenden Flüchtlinge empfiehlt Bernd Nolte Deutschland, gemeinsam mit der EU deutlichere Positionen gegenüber Autokraten zu beziehen.
Er habe versucht, mit seinem Vortrag dem Auftrag von OB Vetrano gerecht zu werden und „Lichter in die Dunkelheit zu setzen“. Manches finde er auch nicht schön, aber es helfe ja nichts: Je bedrohlicher eine Situation sei, desto mehr müsse man anpacken, lautete sein Fazit.

Auf Einladung von Oberbürgermeister Toni Vetrano sprach der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Bernd Nolte beim Kehler Unternehmerforum.zoom

Gastgeber Sparkasse

Jedes Unternehmerforum beginnt mit der Vorstellung des gastgebenden Unternehmens – für die Sparkasse übernahm dies die Vorstandsvorsitzende, Jutta Grandjean, die Professor Noltes Ansicht teilt: Die Null- oder Negativzinsphase sei keine Phase mehr, man müsse inzwischen von einem Klimawandel sprechen. Gleichzeitig seien stetig steigende Anforderungen der Bankenaufsicht zu bewältigen, wovon die meisten Gesetze und Regeln mittlerweile auf europäischen Standards fußten. Für die Sparkasse Hanauerland mit 232 Mitarbeitenden, neun Auszubildenden oder dualen Studierenden und einem Marktanteil von 45 Prozent bedeute die Digitalisierung eine Herausforderung und gleichzeitig eine Zukunftschance: So sei man gerade in die Digitalisierungswochen gestartet, in denen Auszubildende den Kunden beispielsweise gerne „die Bank in der Hosentasche“, also die App auf dem Smartphone, einrichteten und die komfortablen Funktionen zeigen. Neben der Internetfiliale betreibt die Sparkasse Hanauerland seit Sommer 2019 ein Kundencenter, in dem Kunden bis 20 Uhr beraten werden – 11 000 Anrufe gingen hier monatlich ein. Demnächst wird auch der Videochat möglich sein. In den Beratungsbüros der Geschäftsstellen befinden sich mittlerweile große Bildschirme, mit deren Hilfe die Beratung der Kunden interaktiv gestaltet werden können. Eine Herausforderung bedeutet für die Sparkasse auch die Nachwuchsgewinnung: Vor zehn Jahren hätten sich noch 50 Jugendliche um die Ausbildungsplätze beworben, heute müsse man froh sein, wenn es fünf oder zehn seien, beschrieb Jutta Grandjean die Lage. 

12.03.2020

 

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