Existenzprobleme und persönliche Härten aufgrund der Grenzschließung – INFOBEST mit Anfragen überhäuft

Väter und Mütter, die ihre kleinen Kinder nicht sehen können, Töchter oder Söhne, denen die Sterbebegleitung eines Elternteils verwehrt bleibt, Grenzpendler, die plötzlich ohne Einkommen dastehen: Seit fast 27 Jahren existiert die Beratungsstelle INFOBEST für Menschen, die im Raum Straßburg-Kehl einen grenzüberschreitenden Alltag leben. Rund 5000 Anfragen beantworten die beiden Referenten und ihre Assistentin jährlich, dabei geht es immer auch um schwierige und existenzielle Fälle. Was Marie Back, Michael Großer und Annette Steinmann während der Zeit der Grenzschließung erleben mussten, ist dennoch beispiellos: Mehr als 1000 Anfragen gingen in diesen drei Monaten bei der INFOBEST ein, dahinter standen oft menschliche Schicksale, welche die Mitarbeitenden auch über den Feierabend hinaus nicht losließen. Für den Kehler Oberbürgermeister Toni Vetrano, derzeit Präsident der INFOBEST sowie die französische Departementalrätin und INFOBEST-Vizepräsidentin, Catherine Graef-Eckert, sind diese Fälle ein weiteres Beispiel dafür, wie eng Straßburg und Kehl mit einander verwoben sind: „Wir bewohnen längst einen gemeinsamen Lebensraum und dieser funktioniert nur als Einheit. Wir werden alles dafür tun, damit sich eine solche Zerschneidung nicht wiederholt.“ Die hohe Zahl der Anfragen von durch die Grenzschließung Betroffenen zeigt für ihn auch: „Wir brauchen die INFOBEST dringender denn je.“ Die Beratungsstelle habe in der Krise einen wertvollen Beitrag geleistet, „sie konnte vielen Menschen helfen und ihre Ängste lindern“.

„Meine Mutter ist 91 Jahre alt, es geht ihr sehr schlecht. Ich möchte bei ihr sein, wenn es zu Ende geht.“ Mit diesem Hilferuf wandte sich eine in Straßburg lebende Frau an die INFOBEST, die Mutter wohnte in Kehl. Ein in Kehl lebender Vater hatte seinen kleinen Sohn, der mit der Mutter auf der französischen Rheinseite wohnt, seit vielen Wochen nicht gesehen. In der Hoffnung, dass die Referenten der INFOBEST ihm die Genehmigung zum Grenzübertritt verschaffen könnten, meldete er sich bei der Beratungsstelle.
Ein deutsch-französisches Paar, getrennt lebend und auf beide Rheinseiten verteilt, aber mit gemeinsamem Sorgerecht für die sechsjährige Tochter bat um Unterstützung, damit die Kleine weiterhin im wöchentlichen Wechsel bei Vater und Mutter sein konnte. Vielfältig gestalteten sich durch die Grenzschließung auch die Probleme unverheirateter deutsch-französischer Paare ohne gemeinsamen Wohnsitz: „Besteht die Möglichkeit, sich an der Grenze zu treffen, um wichtige Dokumente zu unterschreiben?“
Zahlreiche Grenzpendler gerieten in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten, nachdem das Robert-Koch-Institut die Région Grand Est zum Risikogebiet erklärt hatte und nachdem die Grenze geschlossen wurde, berichten Marie Back und Michael Großer: Ihre deutschen Arbeitgeber mussten von ihnen verlangen, zwei Wochen lang präventiv in häuslicher Quarantäne zu bleiben – doch wer bezahlte in dieser Zeit Lohn oder Gehalt? Viele Fragen sind noch immer ungeklärt, so zum Beispiel auch, ob ein auf der deutschen Rheinseite arbeitender Elternteil einen Verdienstausfall für die notwendige Kinderbetreuung erhält, wenn die Kinder in Frankreich zur Schule gehen, diese aber Corona-bedingt geschlossen wurde. In existenzielle Probleme gerieten auf diese Weise auch Selbstständige mit Firmensitz auf der einen und Wohnsitz auf der anderen Rheinseite. Unterstützung für die Zeit der Kinderbetreuung zu bekommen – für sie ein unlösbares Problem.
All diese Problemlagen beweisen für Michael Großer und Marie Back: „Der deutsch-französische Grenzraum funktioniert nur als Einheit.“ Und er funktioniert nur dann, wenn Menschen, die in ihrem grenzüberschreitenden Alltag auf Probleme stoßen, vor Ort eine Anlaufstelle haben, wo sie Unterstützung finden. Fällt jemand durchs Raster, bestehen Regelungsdefizite oder eine Benachteiligung aufgrund des Grenzgängerstatus, so nimmt sich das Team der INFOBEST dieser Themen an und arbeitet eng mit der Oberrheinkonferenz zusammen, um gemeinsam Lösungen zu finden und die Entscheidungsträger und Parlamente für die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger zu sensibilisieren. Durch den baldigen Einzug der Geschäftsstelle des aus dem Aachener Vertrag hervorgegangenen grenzüberschreitenden Ausschuss in das Kompetenzzentrum soll dies künftig noch besser gelingen; neue Potentiale der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sollen erschlossen werden.

Mehr als 1000 Anfragen von Bewohnerinnen und Bewohnern des rheinübergreifenden Ballungsraums haben die Mitarbeitenden von INFOBEST Kehl/Strasbourg in der Hochphase der Corona-Epidemie bearbeitet (von links nach rechts): Michael Großer, Marie Bach und Annette Steinmann.zoom

Durch die direkte Beratung und Aufarbeitung von Problemen leistete die INFOBEST einen wichtigen Beitrag zur Abschwächung der Krise, erklärt Oberbürgermeister Toni Vetrano: Auch bei der Stadt seien mit der Dauer der Grenzschließung von Woche zu Woche mehr und mehr Anrufe von verzweifelten Menschen eingegangen. „Wir waren sehr froh, sie in der Gewissheit an die INFOBEST verweisen zu können, dass dort alles getan würde, um ihnen, wo immer möglich, zu helfen.“ Als entscheidende Hilfestellung erwiesen sich darüber hinaus die Informationen auf der Homepage der INFOBESTen, welche durch alle Mitarbeiter des Netzwerks – neben der täglichen Beratung – erstellt wurden.
Mit der Grenzöffnung ist bei der Beratungsstelle noch längst nicht wieder der Alltag eingekehrt: Viele Grenzpendler sind in Kurzarbeit oder haben gar ihren Arbeitsplatz verloren. Und weil auch die Referenten der INFOBEST während der Corona-Krise im Homeoffice arbeiten mussten und viele Behörden sowie Institutionen auf beiden Rheinseiten nur einen Notdienst angeboten hatten, gilt es jetzt auch die Anfragen zu bearbeiten, die aus der Krise resultieren oder nichts mit der Krise zu tun hatten, aber dennoch aufgelaufen sind: Dabei handelt es sich vor allem um Steuer- und Rentenangelegenheiten.

Die Villa Rehfus ist seit mehr als 20 Jahren ein Kompetenzzentrum für europäische und deutsch-französische Fragen. Die INFOBEST ist die Anlaufstelle für Grenzpendler.zoom

Das neue Team

Beide INFOBEST-Referenten sind recht neu in Kehl: Die französische Referentin Marie Back wechselte am 1. Februar von der INFOBEST Vogelgrun-Breisach in gleicher Funktion nach Kehl; Michael Großers Arbeitsbeginn als deutscher Referent war eigentlich für den 1. April geplant. Doch als Leiter der Stabsstelle Recht beim Landratsamt des Ortenaukreises wurde er dort im Krisenstab noch dringend gebraucht. Auch im Mai teilte er seine Arbeitskraft noch zwischen dem Landratsamt und der INFOBEST auf, bevor der endgültige Wechsel zum 1. Juni vollzogen wurde.
Marie Back hatte nach ihrem deutsch-französischen Studium bei der Région Grand Est in Bereich grenzüberschreitende Zusammenarbeit erste Berufserfahrungen gesammelt und war dann seit 2017 bei der INFOBEST Vogelgrun-Breisach. Michael Großer hat Rechtswissenschaften studiert, danach bis 2017 als Anwalt in Offenburg und Kehl gearbeitet, bevor er anschließend das Landratsamt juristisch unterstützte. Als Fels in der Brandung erwies sich in den vergangenen Monaten Annette Steinmann, die durch ihre bei der INFOBEST seit 2018 gesammelte Erfahrung und Routine den Bürgerinnen und Bürgern schnell weiterhelfen konnte und sicherstellte, dass gerade auch in der Krise jedem Ratsuchenden weitergeholfen werden konnte.

Info:

Die INFOBEST Kehl/Strasbourg, 1993 gegründet, deckt das gesamte Gebiet der Eurometropole Straßburg, deren Umgebung sowie den Ortenaukreis ab und bietet eine allgemeine und kostenlose Beratung zu deutsch-französischen Fragestellungen an.
Seit 27 Jahren ist die INFOBEST Kehl/Strasbourg Ansprechpartner für Bürgerinnen und Bürger sowie für Vereine, Unternehmen, Verwaltungen und politische Akteure. Die zweisprachigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter helfen bei allen Fragen zwischen Deutschland und Frankreich (Grenzgängerstatus, Sozialversicherung, Besteuerung, Arbeit, Umzug…) weiter.
Die INFOBEST Kehl/Strasbourg ist durch elf deutsche und französische Träger finanziert:
Land Baden-Württemberg, Ortenaukreis, Stadt Kehl, Stadt Achern, Stadt Lahr, Stadt Oberkirch, Stadt Offenburg, französischer Staat, Région Grand Est, Département du Bas-Rhin, Ville et Eurométropole de Strasbourg

23.07.2020

 

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