Sie haben es geschafft: Amina, Waad, Mustafa und Hanano sind Musterschüler mit großen Plänen

Lieblingsfächer? „Fast alles.“ Stundenlanges Lernen jeden Tag? „Kein Problem – Lernen ist mein Hobby.“ Was Amina, Mustafa, Waad und Hanano über ihren Schulalltag in Kehl erzählen, ist wohl der Traum eines jeden Lehrers: Sie gehen gerne zur Schule, sind hochmotiviert und haben klare Ziele: Amina will Ärztin werden, Waad Pharmazie studieren, Mustafa schwankt noch zwischen einer Laufbahn als Architekt oder Autokonstrukteur und Hanano hat am 1. September eine Ausbildungsstelle als Industriemechaniker angetreten – späteres Ingenieurstudium nicht ausgeschlossen. Für drei der Jugendlichen endete die Flucht vor dem Krieg 2015 in Deutschland, Waad kam 2016 mit ihrer Familie aus Aleppo an. Unterstützung erfahren die Jugendlichen und ihre Familien vom städtischen Integrationsmanagement-Team.

Mustafa ist ein Musterschüler. Der 16-Jährige hat sich das Ziel gesteckt, sein Abitur zu machen und im Anschluss ein Studium aufzunehmen.zoom

Mustafa hat sein Zeugnis mitgebracht: Mathe: sehr gut, Geschichte: sehr gut, Biologie: sehr gut, Physik: gut, Englisch: gut – schlechtere Noten gibt es nicht. Am Ende der achten Klasse in der Hebelschule hat er einen Preis bekommen. „Und eine Urkunde“, sagt er stolz. Drei Urkunden hat er schon zu Hause. Seine Schullaufbahn in Kehl hat er in einer sogenannten Vorbereitungsklasse an der Guggenmos-Schule begonnen, wo er vor allem Deutschunterricht hatte. Am Anfang sagt der heute 16-Jährige aus Afghanistan, „war es sehr schwer“ und meint vor allem das Erlernen der deutschen Sprache. „Mathe ist in Deutschland sehr leicht“, ergänzt er. Mindestens zwei Stunden pro Tag lernt er, denn nach dem Werkrealschulabschluss soll noch lange nicht Schluss sein: „Ich möchte Abitur machen“, erklärt Mustafa, danach will er studieren. Sein Berufswunsch kommt nicht von ungefähr: In der siebten und achten Klasse hat er ein ein- und ein zweiwöchiges Praktikum absolviert. „Praktika gibt es in Afghanistan nicht“, sagt Mustafa. Für ihn waren sie enorm wichtig: Bauzeichner, hat er für sich entschieden, ist nicht ganz das, was er sucht; Automechatroniker dagegen kann er sich gut vorstellen: „Das hat mir sehr gut gefallen, das ist abwechslungsreich.“
Mustafa wächst mit fünf Geschwistern auf, drei sind älter, zwei jünger als er. „Alle sind gut in der Schule“, erzählt er, die Eltern achteten sehr auf die Noten. „Meine Eltern sind stolz auf mich – und meine Lehrer auch“, freut er sich. Dass er heute so gute Schulleistungen erbringen kann, führt er auch auf den ergänzenden Deutschunterricht und die Hausaufgabenhilfe zurück, die er in der Villa RiWa bekommen hat. In seiner Freizeit spielt Mustafa Fußball in der Sportgemeinschaft Sundheim. „Das will ich auf jeden Fall weitermachen“, sagt er, „hier habe ich auch viele deutsche Freunde“.

Amina ist seit 2017 in Kehl und möchte später Ärztin werden.zoom

Amina hat in der Corona-Zeit ihren Hauptschulabschluss an der Tulla-Realschule gemacht – „mit 2,4“ - und ist jetzt auf die Hebelschule gewechselt, um den Werkrealschulabschluss draufsatteln zu können. Der Durchschnitt soll dann noch besser sein, hat sie sich vorgenommen, denn die Fernziele heißen: Abitur, Medizinstudium, Ärztin. Die 17-Jährige aus Afghanistan mag alle Schulfächer gerne, am liebsten jedoch „Bio, Physik und Sport“. Im Oktober 2015 ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen, seit 2017 lebt sie in Kehl. „In der sechsten Klasse war es schwer“, erinnert sie sich, „dort waren nicht so nette Menschen“. Ab der Siebten ging es besser und „die Achte und die Neunte waren sehr gut“, konstatiert sie. Fußballspielen und Turnen zählt sie als Hobbys auf, allerdings hat sie wegen der Prüfungen damit aufgehört. Wenn sie um 15.30 Uhr aus der Schule nach Hause kommt, hat sie sich selber ein vierstündiges Lernprogramm auferlegt. Am Anfang habe sie nicht gewusst, wie sie schaffen sollte, Deutsch zu lernen, blickt Amina zurück, „doch meine Eltern und meine Lehrer haben mich sehr unterstützt“. Sie ist die Älteste von fünf Geschwistern und muss dennoch oft nicht im Haushalt helfen: Sie solle lieber lernen, sagen ihre Eltern. 

Hanano ist mit seiner Großmutter nach Deutschland geflohen. Inzwischen hat er eine Ausbildung als Industriemechaniker begonnen.zoom

„Es war schwer, Freunde zu finden. Es hat lange gedauert.“ Hananos Blick ist ernst, als er von der ersten Zeit in Deutschland berichtet. „Ich hatte Angst, es war alles so neu hier“, sagt der inzwischen 17-Jährige Syrer, der mit seiner Oma geflohen ist. „Ohne Eltern.“ Mittlerweile ist sein Vater auch in Kehl. Aber Hanano hat es geschafft: Am 1. September hat er eine Ausbildung bei der Firma Sari in Sundheim begonnen. Kennen gelernt hat er das Unternehmen und den Chef im Rahmen seines Berufspraktikums. „Das hat mir sehr gut gefallen.“ Und als er an den Beruflichen Schulen seinen Hauptschulabschluss gemacht hat, „hat mich der Chef gleich eingestellt“. Den Abschluss zu Corona-Bedingungen zu machen, „war natürlich schwer“, stellt Hanano trocken fest: „Aber ich hab‘s zum Glück geschafft.“ Für Hobbys hat der 17-Jährige keine Zeit, sagt er. Er will vor allem lernen und nach der Ausbildung vielleicht noch Abitur machen und Ingenieur werden.

Seit sie zehn Jahre alt ist, weiß Waad, dass sie Apothekerin werden möchte.Demnächst besucht sie ein Abendgymnasium in Offenburg, um später Pharmazie zu studieren.zoom

Auch Waad hat ein großes Ziel: „Pharmazie studieren“, sagt sie mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel zulässt. „Ich lerne sehr gerne, vier bis sechs Stunden, jeden Tag“, berichtet sie: „Lernen ist mein Hobby. Ich mach‘ Abitur, auf jeden Fall.“ 2016 kam sie mit ihrer Familie über Zell am Harmersbach zuerst nach Gengenbach in die sogenannte Erstunterbringung. „Ich war so glücklich, dass wir dem Krieg in Aleppo entkommen waren.“ Sehr schnell kam sie in Kontakt mit einer Sprachpatin, zu der sie auch Kontakt hielt, nachdem sie 2017 nach Kehl zugewiesen wurden: „Edda Kohnert hat mir sehr geholfen; ich gehe immer noch hin“, sagt Waad mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen.
Seit sie zehn Jahre alt sei, wisse sie, dass sie Apothekerin werden wolle, erzählt Waad. Noch in Gengenbach hat sie angefangen, samstags und in den Schulferien als Praktikantin in einer Apotheke zu hospitieren. Auch von Kehl aus ist sie regelmäßig hingefahren. „Wenn Corona vorbei ist, möchte ich unbedingt weitermachen.“ Ihren Werkrealschulabschluss hat Waad inzwischen in der Tasche – ebenso wie eine Zusage vom Abendgymnasium in Offenburg. So kann sie einen 450-Euro-Job und die Schule verbinden. Wenn nach Arbeit und Lernen noch Zeit bleibt, bäckt Waad gerne oder liest geschichtliche Romane auf Deutsch und auf Arabisch. Oder sie trifft sich mit ihren beiden deutschen Freundinnen – „die kenne ich seit der achten Klasse“.

„Guter Wohnraum erleichtert das Lernen“, wissen die Integrationsmanagerinnen und -manger und sind daher froh, dass die Stadt Kehl – unterstützt von der städtischen Wohnbaugesellschaft – immer auf ein dezentrales Unterbringungskonzept in Wohnungen gesetzt hat. Johanna Bung und Svenja Gerbendorf haben die vier Familien bei der Wohnungssuche unterstützt. Mustafas Familie sucht inzwischen nach einer größeren Wohnung, um den sechs Kindern mehr Raum zum ungestörten Lernen bieten zu können. Wenn die Sprachkenntnisse der Eltern noch nicht ausreichen, besuchen die Integrationsmanagerinnen auch Elterngespräche in den Schulen. „Bei Hanano durfte ich hören, dass er der Zweitbeste in der Klasse ist – ‚auch im Verhalten‘“, wie der Lehrer betont habe, berichtet Svenja Gerbendorf. Auch bei Mustafa steht bei Verhalten und Mitarbeit „sehr gut“ im Zeugnis.
Wie bei allen Familien mit minderjährigen Kindern versucht das Integrationsmanagement-Team zu erreichen, dass die Jugendlichen, die fließend Deutsch sprechen, nicht die ganze Last der administrativen Angelegenheiten tragen und alle Behördengänge erledigen müssen und damit allzu früh in eine Erwachsenenrolle gedrängt werden. Im Falle von Hanano haben sich Svenja Gerbendorf und Fares Mousa zudem um den Antrag auf Familiennachzug gekümmert.

21.09.2020

 

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